Welche Normen gelten fürs Behördendolmetschen?
Internationale Normen
ISO/TC 37/SC 5 ist der Unterausschuss der Internationalen Organisation für Normung (ISO) für Übersetzung, Dolmetschen und verbundene Technologien. Er ist vor allem mit der Ausarbeitung von internationalen Normen beschäftigt, die die Qualität, Effizienz und Zuverlässigkeit von Dolmetsch- und Übersetzungsdienstleistungen weltweit steigern. Diese Normen decken eine Vielzahl von Bereichen ab, von allgemeinen Dienstleistungsanforderungen bis hin zu speziellen Normen für Ausstattung, Ausbildung und bestimmte Dolmetschbereiche.
Behördendolmetschen
Mehrere ISO-Normen befassen sich speziell mit dem Behördendolmetschen, das auch als „Kommunaldolmetschen“ bezeichnet wird. Diese Normen enthalten eindeutige Richtlinien sowohl für Dienstleistungsanbieter als auch für Dolmetscher*innen, um qualitativ hochwertige und nach ethischen Grundsätzen erbrachte Dolmetschleistungen zu gewährleisten. Im Folgenden wird ein Überblick über die wichtigsten Normen gegeben.
- ISO/TS 6253:2024 – Requirements and recommendations for training programmes in community interpreting (Anforderungen und Empfehlungen für Ausbildungsprogramme im Bereich des Behördendolmetschens). Diese Norm beschreibt, welche Kernkompetenzen in Ausbildungsprogrammen für Behördendolmetscher*innen zu erlangen sind und welche Anforderungen für Ausbilder*innen gelten. Sie gilt sowohl für Gebärdensprachen als auch für gesprochene Sprachen und umfasst Konsekutiv- und Simultandolmetschen, einschließlich Flüsterdolmetschen und Stegreifübersetzen. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen und erfahren Sie, wie diese Norm durch die Zusammenarbeit von Fachleuten entwickelt wurde – im Podcast Standards Speak: Language Edition – ISO/TC 37/SC 5.
- ISO 13611:2024 – Dolmetschdienstleistungen – Dolmetschen im Gemeinwesen – Anforderungen und Empfehlungen. In dieser Norm werden die Grundprinzipien und bewährten Verfahren für die Erbringung von Dolmetschleistungen im Gemeinwesen dargelegt. Sie trägt den Bedürfnissen verschiedener Sprachgemeinschaften (gesprochene Sprache und Gebärdensprache) Rechnung und enthält Qualitätserwartungen für Nutzer*innen, Kund*innen und Dolmetscher*innen
- ISO 20228:2019 – Dolmetschdienstleistungen - Dolmetschen im Rechtswesen – Anforderungen. In dieser Norm werden die Grundprinzipien des Rechtsdolmetschens dargelegt, einschließlich der von Rechtsdolmetscher*innen geforderten Fähigkeiten und Empfehlungen für verschiedene juristische Kontexte und Dolmetschmethoden.
- ISO 21998:2020 – Dolmetschdienstleistungen – Dolmetschen im Gesundheitswesen – Anforderungen und Empfehlungen. Diese Norm bietet Richtlinien für das Dolmetschen im Gesundheitswesen in gesprochenen Sprachen und Gebärdensprachen und legt dabei den Schwerpunkt auf die besonderen Anforderungen an die Kommunikation im medizinischen Kontext. Sie gilt gleichermaßen für Dolmetschdienstleister und Dolmetscher*innen im Gesundheitswesen.
- ISO/CD 17651-4 – Simultandolmetschen – Arbeitsumfeld des Dolmetschers – Teil 4: Anforderungen an und Empfehlungen für das Gebärdensprachdolmetschen. Dieser Teil enthält Anforderungen und Empfehlungen für die Konzeption und Einrichtung von Arbeitsbereichen für das Gebärdendolmetschen vor Ort und aus der Ferne. Zum Beispiel in Bezug auf Sicht, Beleuchtung und Hintergründe, Kamera/Bildschirm, Ergonomie, Gesundheit und Sicherheit sowie Teamarbeit. Erfahren Sie mehr über die Normenreihe 17651 – im Podcast Standards Speak: Language Edition – ISO/TC 37/SC 5.
Zugang zu ISO-Normen
ISO-Normen können über nationale Normungsinstitute oder auf der ISO-Website erworben werden. Die ISO-Online-Browsing-Plattform ermöglicht es den Nutzer*innen jedoch, die ersten Seiten der meisten Normen kostenlos einzusehen. Diese Leseproben umfassen in der Regel die Einführung und die Definitionen, die einen informativen Einblick in den Inhalt geben.
Beteiligung an der Festlegung von Normen
Einzelpersonen oder Organisationen, die an der Entwicklung von ISO-Normen interessiert sind, können über die nationalen ISO-Mitgliedsgremien mitwirken. Jedes Land verfügt über eine nationale Normungsorganisation, die die Mitgliedschaft und Beteiligung ermöglicht. Für das Behördendolmetschen ist die Mitwirkung an der Norm ISO/TC 37/SC 5 eine Möglichkeit, die Zukunft der Normen in diesem Bereich mitzugestalten.
Internationale Regelungen
Das Behördendolmetschen fällt in erster Linie in die Zuständigkeit der einzelnen EU-Länder, da die Dolmetschdienste und ihre Regulierung eng mit den nationalen und lokalen Verwaltungssystemen verknüpft sind. Dieser dezentrale Ansatz bedeutet, dass es derzeit keine übergeordnete EU-Rechtsvorschrift gibt, die speziell für das Behördendolmetschen gilt. Stattdessen unterscheiden sich die Normen und Verfahren von Land zu Land erheblich, was die unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und administrativen Kontexte widerspiegelt.
Es gibt jedoch EU-Richtlinien, die sich mit dem Dolmetschen in bestimmten Bereichen befassen, insbesondere im Rechtswesen. Diese Instrumente decken Dolmetschleistungen im juristischen Kontext ab, wie z. B. Strafverfahren oder Zugang zur Justiz.
Dazu gehört insbesondere die Richtlinie 2010/64/EU über das Recht auf Dolmetschleistungen und Übersetzungen in Strafverfahren. Mithilfe von Mindestvorschriften in allen EU-Ländern gewährleistet sie, dass verdächtigen oder beschuldigten Personen, die die Sprache des Strafverfahrens nicht sprechen oder verstehen, kostenlose Dolmetsch- und Übersetzungsdienste zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Beispiel ist die Richtlinie 2012/29/EU, in der Mindeststandards für die Rechte, die Unterstützung und den Schutz von Opfern von Straftaten festgelegt sind. Diese Richtlinie unterstreicht die Notwendigkeit dafür zu sorgen, dass die Opfer verstehen können, was geschieht, und Zugang zu Dienstleistungen haben, indem bei Bedarf Dolmetsch- und Übersetzungsdienste bereitgestellt werden.
Nationale und regionale Regelungen
Die Regulierung und die Verfahren des Behördendolmetschens sind in den einzelnen EU-Ländern sehr verschieden und spiegeln die unterschiedlichen nationalen Prioritäten, Verwaltungsstrukturen und kulturell-sprachlichen Zusammenhänge wider. Diese Vielfalt unterstreicht, wie wichtig der Austausch bewährter Verfahren und die Förderung der Zusammenarbeit sind, um gemeinsame Herausforderungen bei der Bereitstellung hochwertiger Dolmetschdienstleistungen zu bewältigen. Nachstehend finden Sie Beispiele für bemerkenswerte nationale und regionale Ansätze zur Regulierung und Organisation von Behördendolmetschdiensten.
Norwegen: Mehrstufensystem
Ein herausragendes Beispiel ist das norwegische Mehrstufensystem, das von der Direktion für Integration und Vielfalt verwaltet wird. Mit diesem System werden Dolmetscher*innen je nach Qualifikation und Erfahrung abgestuft zertifiziert, wodurch eine klare Hierarchie für die Dolmetschkompetenzen gewährleistet wird. Das System wird durch ein nationales Verzeichnis für Dolmetscher*innen ergänzt und misst der kontinuierlichen beruflichen Weiterbildung einen hohen Stellenwert bei. Behörden sollen möglichst Dolmetscher*innen aus dem Verzeichnis beauftragen, um eine hohe Qualität zu gewährleisten. Das fördert die Professionalisierung der Dolmetschdienste im Land. Mehr zum norwegischen Modell.
Schweden: Zugang zu Sprachdienstleistungen rechtlich geregelt
Gemäß dem Sprachengesetz (2009:600) (Språklag) ist Schwedisch die Hauptsprache Schwedens und der öffentliche Sektor muss sicherstellen, dass jede Person Zugang zu Sprachdienstleistungen erhält. Diese Zuständigkeit wird im Verwaltungsgesetz (2017:900) (Förvaltningslag) näher erläutert. Das Gesetz verpflichtet die Behörden, Dolmetscher*innen zur Verfügung zu stellen und Dokumente zu übersetzen, damit Einzelpersonen ihre Rechte bei Behördengängen wahrnehmen können.
Ebenso müssen sie für Personen mit Behinderungen, die deren Seh-, Hör- oder Sprechfähigkeit stark einschränken, eine Verdolmetschung organisieren und ihnen Dokumente barrierefrei zugänglich machen. In separaten Rechtsvorschriften ist festgelegt, dass Gerichte sowie bestimmte staatliche Stellen und Einrichtungen verpflichtet sind, bei Bedarf Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen zur Verfügung zu stellen.
Niederlande: nationales Verzeichnis für beeidigte Dolmetscher*innen und Übersetzer*innen
Die Niederlande führen ein nationales Verzeichnis für beeidigte Dolmetscher*innen und Übersetzer*innen, in dem Dolmetscher*innen, die im Rechts- und Gemeinwesen tätig sind, bestimmte berufliche Standards erfüllen und regelmäßige Schulungen absolvieren müssen. Dieses zentralisierte System fördert die Transparenz und Verantwortlichkeit der Dolmetschdienste.
Spanien: regionale Ansätze fürs Behördendolmetschen
In Spanien unterscheidet sich das Behördendolmetschen oft von Region zu Region. In Katalonien beispielsweise fördert die Consorci per a la Normalització Lingüística Dolmetschdienste, die auf die sprachliche Inklusion von Migrant*innen und Personen abzielen, die kein Katalanisch sprechen. Der Schwerpunkt liegt auf der Bereitstellung kultursensibler sprachlicher Unterstützung in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Bildung und Sozialleistungen.
Großbritannien: Normierung und Schulung durch Berufsverbände
Im Vereinigten Königreich wird die Regulierung des Behördendolmetschens von Berufsverbänden wie dem Chartered Institute of Linguists (CIOL) und dem National Register of Public Service Interpreters (NRPSI) vorangetrieben. Diese Organisationen legen Standards fest, bieten eine Zertifizierung wie das Diplom für Behördendolmetscher*innen an und führen Verzeichnisse für Dolmetscher*innen. Während das Behördendolmetschen keiner einheitlichen rechtlichen Regelung unterliegt, bilden diese Initiativen eine Grundlage für Qualität und Professionalisierung.
Polen: regionale Dolmetschernetze
In Polen organisieren die Gemeinden und Städte häufig Dolmetschernetze, um den Bedürfnissen von Migrant*innen gerecht zu werden. Einige Städte haben Schulungsprogramme für ehrenamtliche Dolmetscher*innen eingeführt, die im Gesundheits- oder Sozialwesen tätig sind und sprachliche Unterstützung in Gebieten mit hohem Bedarf bieten.
Türkei: Zusammenarbeit nationaler und internationaler Partner
Der Ansatz der Türkei ist ein Beispiel für die Kombination aus nationaler Verwaltung und internationaler Zusammenarbeit im Hinblick auf den Dolmetscherbedarf, insbesondere im Zusammenhang mit migrationsbedingten Herausforderungen. Im Gesundheitswesen wurden im Rahmen des von der EU finanzierten SIHHAT-Projekts Vollzeitdolmetscher*innen in Einrichtungen der primären und sekundären Gesundheitsversorgung beschäftigt, um die Kommunikation zwischen Angehörigen der Gesundheitsberufe und nichttürkischsprachigen Patient*innen zu erleichtern. Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa hat nichtprofessionelle Dolmetscher*innen im Gesundheitswesen geschult, um ihnen die Eingewöhnung in ihre Aufgaben zu erleichtern, und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat Schulungsprogramme für Dolmetscher*innen im Gesundheitswesen koordiniert, insbesondere für die Arbeit in psychiatrischen Einrichtungen in Gemeinden.