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Knowledge Centre on Translation and Interpretation

Behördendolmetschen

Gleichberechtigter Zugang zu Dienstleistungen für alle

Kooperationszentrum   Normen, Rechtsgrundlagen und Berufsethik   Aufbau von Kapazitäten   Gebärdensprachdolmetschen

Dolmetschen bei Behörden: Worum geht es da genau?

In der ISO 13611:2024 – Dolmetschdienstleistungen – Dolmetschen im Gemeinwesen – Anforderungen und Empfehlungen – wird das Behördendolmetschen wie folgt definiert:

Verdolmetschung, die es Menschen ermöglicht, Zugang zu Dienstleistungen zu erhalten, die der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stehen, zu denen sie jedoch aufgrund einer Kommunikationsbarriere durch die Verwendung unterschiedlicher Sprachen sonst keinen Zugang hätten.

Die ISO-Norm entstand aus der weltweiten Notwendigkeit heraus, der zunehmenden sprachlichen, kulturellen und ethnischen Vielfalt von Menschen zu begegnen, die sich über gesprochene Sprachen oder Gebärdensprachen verständigen. Durch das Behördendolmetschen erhalten Personen, die die Sprache einer öffentlichen Dienstleistung nicht verstehen, gleichberechtigten Zugang zu diesen Dienstleistungen. Behördendolmetschen wird in einer Vielzahl von Bereichen angeboten, darunter:

  • öffentliche Einrichtungen: lokale Behörden, Migrationsdienste, Schulen, Hochschulen und Gemeindezentren
  • Sozialdienste: Flüchtlingsräte, Selbsthilfezentren und Sozialämter
  • Unternehmens- und Industriedienstleistungen: Wohnen, Immobilien, Versicherungen und Finanzdienstleistungen
  • konfessionell gebundene Organisationen: Rituale, Zeremonien und Gemeinschaftsversammlungen
  • Medienunternehmen: Fernsehsendungen, Internetplattformen und andere Medien
  • Notfalldienste: Katastrophenschutz, Pandemie-Management und Krisenkommunikation

Behördendolmetscher*innen arbeiten in diesen Bereichen und müssen spezifische Regeln und Vorschriften einhalten. Insbesondere Rechtsdolmetschen und Dolmetschen im Gesundheitswesen werden oft als eigenständige Bereiche behandelt, die eine spezielle Weiterbildung erfordern. Während einige Länder Rechtsdolmetschen und Dolmetschen im Gesundheitswesen als Behördendolmetschen kategorisieren, werden sie in anderen Ländern als getrennte Disziplinen beibehalten.

Das Behördendolmetschen hat sich zu einem anerkannten Beruf entwickelt und unterliegt bestimmten Normen und Rechtsgrundlagen.

Am Behördendolmetschen sind in der Regel drei Parteien beteiligt:

  • Nutzer*innen der Dienstleistung: Personen, die Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen benötigen, aber Sprachbarrieren gegenüberstehen, wie beispielsweise Eltern im Gespräch mit einer Lehrkraft.
  • Dienstleister: Personen, die Dienstleistungen in der Sprache der Einrichtung oder Organisation erbringen, wie beispielsweise Angestellte einer Behörde, Berater*innen oder Lehrkräfte
  • Behördendolmetscher*innen: qualifizierte Fachkräfte, die zwei oder mehr Sprachen beherrschen (mündlich, Gebärdensprache oder schriftlich) und mit unterschiedlichen Sprachregistern arbeiten können

In mehrsprachigen und multikulturellen Gesellschaften spielt das Behördendolmetschen eine wichtige Rolle für den gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu grundlegenden Dienstleistungen. Als dynamischer und sich wandelnder Berufszweig begegnet das Behördendolmetschen weiterhin den Herausforderungen, die sich aus der sprachlichen Vielfalt ergeben. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer stetigen Weiterbildung, Zusammenarbeit und Normierung.

Schwerpunkt Migration

Im Rahmen des Wissenszentrums für Übersetzen und Dolmetschen (KCTI) bezeichnet Behördendolmetschen das Dolmetschen, das eine klare, wechselseitige Kommunikation zwischen nationalen oder regionalen Behörden und Personen mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund ermöglicht, die die Landessprache(n) nicht ausreichend sprechen oder verstehen. Diese Art des Dolmetschens spielt eine entscheidende Rolle bei:

  • der Prüfung des Status von Asylbewerber*innen und potenziellen Asylbewerber*innen
  • der Gewährleistung des Zugangs zu grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe und Polizeidiensten

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Behördendolmetscher*innen in der gesamten EU erheblich gestiegen, was auf einen deutlichen Anstieg der Zahl der Migrant*innen zurückzuführen ist. Angesichts dieses Wandels liegt der Schwerpunkt dieses Beitrags auf dem Behördendolmetschen im Kontext der Migration, insbesondere im Zusammenhang mit Normungstätigkeiten.

Probleme und Lösungen


Trotz der steigenden Nachfrage nach Behördendolmetscher*innen gibt es noch erheblichen Spielraum für die Entwicklung einheitlicher Normen in wichtigen Bereichen wie Qualität, Schulung, Berufsethik und Vergütung. Darüber hinaus gibt es immer noch keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs „Behördendolmetschen“. Viele Behördendolmetscher*innen verfügen über keine formale Berufsausbildung oder haben nur eine Teilausbildung absolviert. Dieser Mangel an ausgebildeten Dolmetscher*innen wurde besonders während der ungewöhnlich starken Migration in den Jahren 2015 und 2016 deutlich, als die EU-Länder Schwierigkeiten hatten, ausreichend Dolmetschdienste zu organisieren, unter anderem in den von der EU eingerichteten Hotspots.

Infolge dieser Probleme haben immer mehr Bildungseinrichtungen und Hochschulen damit begonnen, spezielle Dolmetschkurse zu entwickeln. Einige dieser Einrichtungen erhielten bei der Festlegung von Normen und der Entwicklung von Lehrplänen Unterstützung von der GD Dolmetschen. Mehr zum Aufbau von Kapazitäten im Bereich des Behördendolmetschens. 

Die Rolle der GD Dolmetschen

Hauptaufgabe der GD Dolmetschen ist die Bereitstellung von Konferenzdolmetschleistungen für die Europäische Kommission und mehrere andere EU-Institutionen. Das Behördendolmetschen als eigenständiger Bereich gehört nicht zu diesen Aufgaben und fällt in die Zuständigkeit der EU-Länder. Obwohl die GD Dolmetschen keine Behördendolmetschleistungen organisiert oder bereitstellt, setzt sie sich für die Förderung der Zusammenarbeit und des Wissensaustauschs ein.

Das Wissenszentrums für Übersetzen und Dolmetschen (KCTI) dient als Ressource für Personen, die im Bereich des Behördendolmetschens tätig sind. Seine Aufgabe ist es:

  • einen Raum für den Austausch von Informationen und bewährten Verfahren bereitzustellen
  • die Entwicklung von praxisorientierten Gemeinschaften zu unterstützen
  • einen Bottom-up-Ansatz für die Festlegung von Normen im Bereich des Behördendolmetschens zu erleichtern

Mit dieser Plattform will die GD Dolmetschen den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den in diesem Bereich tätigen Personen fördern und so zur langfristigen Entwicklung des Behördendolmetschens in der gesamten EU beitragen.

Wie können Sie beitragen?

Im Kooperationszentrum finden Sie ausführliche Informationen darüber, wie Sie sich einbringen können.

Let’s interpret!

Mit finanzieller Unterstützung der GD Dolmetschen hat die Universitat Autònoma de Barcelona eine Videoreihe zum Behördendolmetschen erstellt: Public Service Interpreting and the Challenges of the New Millennium.